„Tagsüber spielen sie Helden“

von Konstanze Schneider

Mohammeds Zimmer

Mohammeds Zuhause ist ein großes, graues Hochhaus im Süden Hannovers: im neunten Stock lebt er seit Februar 2016 mit weiteren 17 männlichen Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren, die als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind. „Die Stadt kam auf uns zu mit der Anfrage, ob wir unbegleitete minderjährige Ausländer aufnehmen können. Obwohl wir noch keine Erfahrungen in der Jugendhilfe hatten, war für uns schnell klar: das machen wir“, erzählt Sigrid-Boutebiba-Ludwig. Innerhalb von drei Monaten haben sie und ihre Mitarbeitenden die neue Abteilung im Annastift für unbegleitete minderjährige Ausländer aufgebaut, „inklusive aller Einstellungsgespräche. Das Kollegen-Team hat sich auch erst eine Woche vor dem Einzug der Jugendlichen kennengelernt“, so Sigrid Boutebiba-Ludwig weiter. Zum multikulturellen Team gehören Sozialpädagogen und Erziehern, eine Psychologin, eine Hauswirtschafterin und auch zwei Kulturdolmetscher. Diese kommen selbst aus dem Kulturkreis der Jugendlichen und können daher auch zwischen den Zeilen übersetzen und erklären, wie Reaktionen und Missverständnisse zustande kommen. „Außerdem dienen sie als Vorbild, denn sie haben es hier in Deutschland geschafft“, erklärt Sigrid Boutebiba-Ludwig. Die Jugendlichen stammen aus Afghanistan und Syrien. Sie sind eingeteilt in zwei so genannte mono-ethnische Gruppen, das heißt, dass die Zimmer der Syrer und der Afghanen auf unterschiedlichen Fluren sind. „Pädagogisch ist dies zwar umstritten, denn viele meinen, es ist sinnvoller, durchmischte Gruppen - auch mit deutschen Jugendlichen - zu bilden, aber bei uns funktioniert es sehr gut. Die Jugendlichen gehen gemeinsam in den Unterricht und sprechen dort Deutsch. Auch mit uns sprechen sie Deutsch. Wir denken, dass sie so zumindest am Nachmittag etwas Heimat finden. Sie können in ihrer Sprache miteinander sprechen und haben ähnliche Erfahrungen gemacht, über die sie sich austauschen können“, erklärt sie weiter.

"Ich verbringe meine Zeit lieber mit den anderen Jungs aus Afghanistan. Wir verstehen uns gut und haben ähnliche Vorstellungen. Die Syrer sind mir zu laut“, ergänzt Mohammed. Der 17jährige Afghane ist vor sieben Monaten in Deutschland angekommen. „Zuerst war ich für vier Monate in einer Unterkunft mit vielen anderen Menschen - auch ältere, dort konnte ich nichts machen. Hier kann ich zur Schule gehen und hoffentlich eine Ausbildung zum Koch anfangen. Ich koche gerne, auch oft für die anderen“, erzählt er. „Putzen und Kochen klappt wirklich prima - das hätte ich nicht erwartet. Jedes Zimmer ist immer blitzsauber und sie müssen nicht daran erinnert werden, dass sie noch Dinge für die Allgemeinheit erledigen müssen“, erzählt Cilem Sahin. Sie ist Sozialpädagogin im Berufspraktikum und betreut die afghanischen Jugendlichen. Der Tagesablauf ist genau festgelegt: „Ich stehe um sechs auf, um sieben gibt es Frühstück. Von acht bis 15 Uhr gehe ich in die Schule. Nach einem festgelegten Plan machen wir dann sauber, kaufen ein oder kochen“, erzählt Mohammed. „Eine feste Struktur ist wichtig, denn die Jugendlichen haben teilweise Monate auf der Flucht verbracht. Sie müssen lernen, wieder in einem strukturierten Alltag zu leben. Außerdem werden sie so von den schrecklichen Erlebnissen, die sie auf der Flucht hatten, abgelenkt. Viele von ihnen spielen zwar tagsüber die großen Helden, weinen aber nachts“, erklärt Sigrid Boutebiba-Ludwig. Auch Mohammed erzählt, dass er in seiner Freizeit viel Fitness betreibt und laufen geht, um nicht so viel an seine Familie, in Afghanistan denken zu müssen. Seine Mutter musste er dort krank zurücklassen, die Zukunft seiner Familie ist ungewiss.

Zusätzlich sei für viele der Jugendlichen belastend, dass sich die Asylverfahren so lange hinziehen. Einige von ihnen hätten auch nach einem Jahr in Deutschland immer noch keinen Bescheid bekommen. Gerade für die Jugendlichen aus Afghanistan sei die Situation schwierig, da ihnen bewusst sei, dass ihre Chancen in Deutschland zu bleiben, sehr gering sind. „Einige resignieren mittlerweile. Sie fühlen sich wie Versager, weil sie nach einem Jahr immer noch nicht arbeiten und somit auch kein Geld zu ihren Familien schicken können“, erklärt Sigrid Boutebiba-Ludwig. Ein paar der Jugendlichen verweigerten deswegen mittlerweile die Integration und zeigten kein Interesse daran, Deutsche kennenzulernen. „Außerdem steht für die 17jährigen in der Schwebe, wie es weitergeht, wenn sie 18 Jahre alt geworden sind. Grundsätzlich kann das Jugendamt einer weiteren Unterbringung bei uns zustimmen, wenn dies pädagogisch notwendig ist. Das Jugendamt überprüft in Einzelfällen - der Ausgang ist ungewiss. Wenn es einer Weiterbetreuung nicht zustimmt, muss der Jugendliche an seinem 18. Geburtstag in eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber ziehen“, erklärt Sigrid Boutebiba-Ludwig. „Die Jugendlichen durchleben hier zum Teil ihre Pubertät und testen Grenzen aus. Es ist beispielsweise schwierig, sie dazu zukriegen, auch wirklich um 22 Uhr wieder im Haus zu sein.“, ergänzt Cilem Sahin.

Unterstützung auch für die Zeit nach ihrem 18. Geburtstag sollen die Jugendlichen nun über sogenannte Patenfamilien bekommen. Dies sind deutsche Familien, die die Jugendlichen ein paar Mal pro Woche bei sich zuhause aufnehmen und sie unterstützen. Auf längere Sicht sollen sie als Brücke zum Annastift dienen, auch nachdem die Jugendlichen dort ausziehen mussten. Mohammed hat bereits eine Patenfamilie gefunden. „Ich war bis jetzt einmal bei ihnen zum Essen. Alle waren sehr nett. Ich fühle mich von den Deutschen sehr gut aufgenommen und hoffe, dass ich hierbleiben kann.“ Doch am schönsten wäre es für ihn, wenn er seine Mutter, Schwestern und Brüder bald nachholen könnte.

Ansprechpartner und weitere Informationen

Sigrid Boutebiba-Ludwig

UMA im Annastift
Wülfeler-Str. 60
30539 Hannover
Deutschland