Zukunft als Ziel: Perspektiven für Jugendliche

von Konstanze Schneider

(v.l.) Reinhard Helms, Matildo, Mevlan

„Mein Vater ist Maler, deswegen möchte ich auch Maler werden“, erzählt Mevlan. Er ist vor etwa sechs Monaten aus Mazedonien nach Deutschland geflohen. Nun lebt er in einer Wohngruppe der Diakonischen Heime Kästorf, da er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UMF, Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge) nach Deutschland kam. In den Wohngruppen der Diakonischen Heime sind zurzeit vierundzwanzig UMF vom Jugendamt in Obhut genommen worden. Das sind Zufluchtsuchende, die unter 18 Jahre alt und ohne ihre Eltern oder andere Erziehungsberechtigte nach Deutschland gekommenen sind. Bis zu ihrem 18. Geburtstag leben sie in den Jugendhilfeeinrichtungen und gehen zur Schule. „Danach können sie in einer normalen Gemeinschaftsunterkunft untergebracht werden. Doch wenn sie erst seit kurzer Zeit hier sind, schaffen es viele nicht alleine klar zu kommen. Wir möchten den Jugendlichen eine Perspektive schaffen und für sie eine Ausbildung anbieten“, erklärt Gabriele Zikoll, Fachbereichsleiterin der Beruflichen Bildung der Diakonischen Heime in Kästorf. Die Voraussetzungen hierfür sind in Kästorf ideal, denn die Diakonischen Heime bieten Tätigkeiten in Betrieben und Werkstätten für Jugendliche an, die auf dem normalen Arbeitsmarkt wenige Chancen haben. So können die Jugendlichen z.B. Ausbildungen zum Elektriker, Maler, Koch oder im Servicebereich machen. Zurzeit absolvieren mehrere UMF in den Werkstätten Praktika. Ziel ist, dass sie anschließend zum nächsten Ausbildungsjahr ab September 2016 in ihren Praktikumsstätten einen Ausbildungsplatz erhalten. „Wir wollen den Jugendlichen damit Perspektiven bieten. Zum einen natürlich, damit sie auf unserem Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Zum anderen ist uns wichtig, dass sie mit der Ausbildung auch in ihrem Heimatland etwas anfangen können, falls sie wieder zurückgehen. Außerdem sichert die Ausbildung ihre Duldung, da sie in den drei Jahren, die ihre Ausbildung dauert, nicht abgeschoben werden können“, ergänzt Carola Hahne, Geschäftsführerin der Diakonischen Jugend- und Familienhilfe Kästorf (DJFK). Die Betreuer begleiten die Jugendlichen nicht nur während der Ausbildung und Praktika, sondern auch bei Behördengängen. Außerdem sind sie als Ansprechpartner für sie da: „Manchmal kommen bei den Jungs Dinge aus ihrer Vergangenheit oder von ihrer Flucht hoch. Der Umgang mit Traumatisierungen in diesem Maße war für mich neu“, erzählt Klaus*. Er arbeitet seit dem ersten März 2016 in einer Außenwohngruppe in Seershausen.

Mevlan ist einer der potentiellen Auszubildenden. Zurzeit absolviert er ein Praktikum in der Malerei der Diakonischen Betriebe Kästorf (DBK), davor hat er im Servicebereich im Mehrgenerationenhaus Omnibus der DJFK ein Praktikum gemacht. „Das Praktikum im Omnibus hat mir auch Spaß gemacht. Ich habe in der Küche und im Service mitgearbeitet und war jeden Tag pünktlich“, erzählt er lachend. Auch Matildo, er lebt ebenfalls seit sechs Monaten in Kästorf und ist aus Albanien geflohen, gefällt sein Praktikum in der Kfz-Werkstatt der DBK sehr. „Man merkt, dass Matildo Lust hat an der Arbeit. Und das ist für mich das Wichtigste. Alles andere lernt er dann hier“, sagt Reinhard Helms, Leiter der Kfz-Werkstatt. "Schwierigkeiten mit Pünktlichkeit oder der Arbeitshaltung gibt es mit Matildo nie, das sieht bei einigen deutschen Jugendlichen ganz anders aus“, erzählt er weiter. „Die jungen Flüchtlinge sind sehr ehrgeizig und motiviert - viel mehr als viele unserer deutschen Jugendlichen. Und vor allem sind sie immer hilfsbereit“, sagt Klaus. Die Rückmeldungen aus den Praktikumsstellen seien mittlerweile durchweg positiv: „Am Anfang gab es manchmal Probleme wegen der Sprachbarriere. Mittlerweile bieten wir zusammen mit der Volkshochschule Intensivkurse an, die die Jugendlichen gerne besuchen“, berichtet Gabriele Zikoll. „Nur einer musste bisher sein Praktikum unterbrechen, weil er zu zappelig und zu verspielt war. Bei den anderen können sich die Ausbilder gut vorstellen, sie in Ausbildung zu nehmen“, ergänzt Sabine, Betreuerin einer Wohngruppe. Viele der Jugendlichen brächten zudem schon viele praktische Fähigkeiten mit, weswegen es ihnen leichter fällt, sich im Praktikum einzubringen. „In ihren Heimatländern ist das praktische Arbeiten viel weiter verbreitet als bei uns. Für sie ist es eher schwer, in den Schulalltag zu finden, da sie dies nicht so kennen“, berichtet Lea, ebenfalls Betreuerin in einer Wohngruppe. Der Tagesablauf ist für die Jugendlichen streng geregelt: morgens gehen sie zur Schule - alle im Ausbildungsprojekt besuchen die neunte Klasse -, anschließend geht es zum Praktikum, dann in den Deutschkurs. Einige sind zudem am Abend noch in Sportvereinen aktiv. „ Sport ist ein wesentlicher Schritt für die Integration im Ort“, meint Klaus.

Viele der UMF sprechen mittlerweile sehr gut Deutsch, weil sie in gemischten Wohngruppen untergebracht sind. Etwa acht Jugendliche, von denen zwei bis drei Zufluchtsuchende sind, leben zusammen. „In ihrer ersten Zeit haben wir auch Englisch mit ihnen gesprochen, aber es war immer klar, dass sie Deutsch lernen müssen. Doch die Jugendlichen sind für gewöhnlich von sich aus motiviert und wollen, dass wir Deutsch mit ihnen sprechen“, berichtet Sabine. Die einheimischen Jugendlichen in den Wohngruppen haben keine Berührungsängste mit den UMF: „Sie interessieren sich sehr für den Werdegang der Jungs, wir sprechen zum Beispiel am Abendbrottisch oft darüber. Einige haben aus den Medien über die vielen Flüchtlinge gehört, andere in der Schule. Rassismus spüre ich keinen, im Gegenteil: sie halten zusammen, denn sie sitzen alle im selben Boot“, so Klaus. Mevlan und Matildo bestätigen dies. Der Zusammenhalt unter den Jugendlichen sei groß. „Bei vielen hat sich die Einstellung auch durch den Kontakt geändert. Wenn man die Menschen kennenlernt, merkt man, dass sie eigentlich genauso sind wie man selbst. Das ist etwas anderes, als wenn man über Geflüchtete nur in den Medien hört“, ergänzt Gabriele Zikoll.

* Die Betreuenden möchten nicht, dass ihre Nachnahmen genannt werden

Ansprechpartner und weitere Informationen

Ingetraut Steffenhagen

Das Ausbildungsprojekt der Diakonischen Heime Kästorf
Hauptstraße 51
38518 Gifhorn
Deutschland
Tel.: 05371-721 224
E-Mail: i.steffenhagen@dachstiftung-diakonie.de