Die Flüchtlingshilfe der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hameln

von Konstanze Schneider

„Noch bevor die Flüchtlingswelle richtig losging, habe ich mich gefragt: Was tut jetzt eigentlich die Kirche?“, berichtet Heinrich Kasting, Vorsitzender der Initiative zur Hilfe für Geflüchtete der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Hameln (ACKH). In ihr vereinen sich die evangelische, katholische und reformierte Kirche, sowie die Evangelische Freikirche der Baptisten. Da das Engagement zu dieser Zeit - im Herbst 2014 - in Hameln noch recht gering war, beschloss der Pastor im Ruhestand gemeinsam mit pensionierten Kollegen die Initiative zu ergreifen. „Wir waren für das Thema sensibilisiert, da wir in der Martin-Luther-Gemeinde in den 1990er Jahren zehn Geflüchtete aus Bosnien aufgenommen hatten“, erklärt Heinrich Kasting. Was zunächst nur eine Unterstützung für christliche Syrer in der Hamelner Nordstadt werden sollte, weitete sich schnell aus. Mittlerweile setzt sich die Initiative für Geflüchtete sämtlicher Herkunftsstaaten und Konfessionen in ganz Hameln ein. „Wir haben mit Flyern und Postkarten, die an mich zurückgesandt werden sollten, für Unterstützung geworben. Doch es kamen so viele Karten zurück, dass die Beantwortung zu einem Vollzeitjob für mich wurde. Die Hilfsbereitschaft war einfach enorm“, erzählt Heinrich Kasting. Um die vielen Angebote koordinieren zu können, wurde ein Büro eingerichtet, das von Heike Büttner geleitet wird. Frau Büttner bearbeitet nun alle Angebote und Anfragen,  und vermittelt die Hilfen.
„An vielen Tagen stehen schon Menschen  vor der Tür, wenn ich komme. Oft möchten sie ein Fahrrad aus unserer Fahrradwerkstatt bekommen. Darüber ergibt sich dann der weitere Kontakt“, erzählt Heike Büttner. So habe sie beispielsweise eine Begleitung vermittelt, als sie einer jungen Familie einen Kinderwagen gebracht hat. Dabei stellte sie fest, dass die Wohnung sehr stark geheizt war. „Eine Begleitung für diese Familie erschien mir sinnvoll, damit sie lernt, sich in unserem Alltag zurecht zu finden. Die Mutter hatte gleich großes Interesse daran.“
Insgesamt werden zurzeit etwa 40-50 Zufluchtsuchende von Ehrenamtlichen aus von der ACKH begleitet.
Berührungsängste zwischen den unterschiedlichen Religionen haben weder Heinrich Kasting noch Frau Büttner erlebt. „Wir haben zum Beispiel gemeinsam das Hamelner Münster angeschaut und ein Konzert in einer Kirche besucht. Auch die Geflüchteten muslimischer Herkunft sind gerne mit hineingegangen“, berichtete Heike Büttner. „Der Glaube ist bei vielen sehr stark verfestigt - viel mehr, als bei vielen Deutschen. Ich habe einmal einer jungen, 18-Jahre alten Frau christlichen Glaubens erklären müssen, dass sie sehr wahrscheinlich nicht in Hameln bleiben könne, weil sie in Italien ihre Fingerabdrücke abgegeben hatte und nach dem sogenannten Dublinabkommen dort ihren Asylantrag stellen musste. Während ich ganz betroffen war, hat sie die Nachricht äußerlich ruhig aufgenommen. Die Freundin, die sie begleitete, sagte nur „Jesus Christ will help you“. Ich denke, dieser Glaube hilft vielen, durchzuhalten“, meint Heike Büttner.

Zu den weiteren Angeboten der ACKH gehören unter anderem Sprachkurse, Vermittlung von Sachspenden, ein internationaler Treffpunkt zum Austausch, ein Gitarrenkurs und „ACKH on tour“. „Bei „ACKH on tour“ machen Ehrenamtliche Ausflüge mit Flüchtlingen. So sind wir mit den Pfadfindern ins Wisent-Gehege gefahren und haben anschließend gemeinsam ein Lagerfeuer gemacht. Daraus haben sich wieder neue Pläne ergeben. So ist es eigentlich fast immer, die Kontakte verselbstständigen sich immer mehr“, erzählt Heinrich Kasting begeistert. „Es bringen sich auch immer mehr Flüchtlinge ein. Sie bieten zum Beispiel Hilfe beim Übersetzen an oder laden von sich aus andere Geflüchtete zu unseren Angeboten ein. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert sehr gut. Oft kommt einer, der wegen eines Fahrrads bei mir war, nach ein paar Tagen oder Wochen mit einem Freund wieder“, ergänzt Heike Büttner. Der Umgang mit den Zufluchtsuchenden sei dabei immer sehr respektvoll und höflich. So habe zum Beispiel keiner der Geflüchteten bisher ein Problem damit gehabt, sich von einer Frau helfen zu lassen. „Einmal hatten wir einen Fall, da wollte sich ein Mann nicht von einer Frau Deutschunterricht geben lassen. Wir haben ihm gleich klar gemacht, dass er unter diesen Umständen keinen Unterricht bekommen kann und dass er sich anpassen muss. Wir müssen aufeinander zugehen, sonst funktioniert es nicht“, erklärt Heinrich Kasting. Zudem komme es manchmal bei Ehrenamtlichen zu Enttäuschungen, weil Zufluchtsuchende Termine nicht einhielten oder ständig unpünktlich seien. „Doch das sind Einzelfälle, die meisten sind einfach dankbar, dass ihnen geholfen wird.“, so Heinrich Kasting.

Heike Büttner erlebt aber auch kulturelle Unterschiede, die sie ins Nachdenken bringen: „Ich stoße manchmal an meine Grenzen, weil die kulturellen Unterschiede so groß sind. In einer Familie, die ich begleite, habe ich manchmal das Gefühl, dass die 15 jährige Tochter wesentlich weniger unternimmt als ihre Brüder. Ich bin mir nicht sicher, ob das auf ihr Naturell zurückzuführen ist oder auf Besorgnis ihrer Eltern, und ich frage mich ob ich das Recht habe, der Familie einfach meine Sichtweise vorzugeben“.

Ehrenamtliche, die vor Herausforderungen stehen, werden damit aber nicht allein gelassen. Regelmäßig treffen sie sich zum Austausch der Mitarbeitenden. Hierbei können Probleme angesprochen und gemeinsam Lösungen gefunden werden. „Wir haben hier viel „learning-by-doing“. Das ist uns aber lieber, als alles streng zu reglementieren. Ich sage immer: „Das Amt dämpft den Geist“, deshalb haben wir viel Raum für kreative Ideen, die wir auch umsetzen können.“, sagt Heinrich Kasting.

Ansprechpartner und weitere Informationen

Heike Büttner

Die Flüchtlingshilfe der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hameln
Osterstraße 46
31785 Hameln
Deutschland