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Dagmar Schmeelcke und Hatem Barakat vor der Bahnhofsmission Lüneburg
Dagmar Schmeelcke und Hatem Barakat vor der Bahnhofsmission Lüneburg

„Ich möchte den Deutschen etwas zurückgeben“

Bahnhof Lüneburg, „Am Gleis 1“. Hier arbeitet Hatem Barakat ehrenamtlich an zwei Tagen in der Woche in der Bahnhofsmission. Noch vor sechs Monaten hat er selbst deren Hilfe benötigt. Damals ist er nach seiner Flucht aus Syrien auf Gleis 3 in Lüneburg angekommen. Er konnte kein Wort Deutsch und wusste nicht, wo er sich melden musste. In der Bahnhofsmission konnte man ihm weiterhelfen und ihm erstmal etwas zu Essen und zu trinken geben. „Überall in Deutschland wurde ich freundlich empfangen, kein Mensch war ablehnend zu mir. Viele haben mir geholfen, nun möchte ich selber helfen“, erzählt Hatem Barakat. „Auf der Fahrt von Passau nach Düsseldorf saß ich auf dem reservierten Platz einer Frau. Sie hat mir dann nicht nur beim Umsteigen geholfen, sondern mir etwas zu Essen gekauft und mir viel Glück gewünscht. Ich denke, das liegt daran, dass die Menschen hier wissen, dass es uns in Syrien schlecht geht und fast alles kaputt ist. Ich möchte den Deutschen nun etwas zurückgeben.“ Bei seinen Überlegungen, wie er der Langeweile entgehen und sich für andere engagieren könnte, fiel ihm die Bahnhofsmission wieder ein. Dort, so dachte er, könnte er die Mitarbeitenden unterstützen und gleichzeitig anderen Geflüchteten bei der Ankunft helfen. „Ich habe angeboten zu übersetzen und zu erklären, wo was in Lüneburg ist“, erklärt Hatem Barakat. „Für uns ist Hatem eine riesige Bereicherung. Nicht nur, weil wir durch ihn besser mit Flüchtlingen in Kontakt kommen, sondern auch aufgrund seiner fröhlichen, freundlichen Art“, sagt Dagmar Schmeelcke. Sie engagiert sich seit sechs Jahren in der Bahnhofsmission. Da Hatem Barakat in jeder freien Minute deutsch lernt und versucht, mit Deutschen in Kontakt zu kommen, sind seine Sprachkenntnisse mittlerweile sehr gut. Es ist ihm wichtig, dass er in diesem Interview ausschließlich deutsch spricht. Nun hilft er nicht mehr nur Geflüchteten, sondern auch deutschen Besuchern, die in die Bahnhofsmission kommen. „Der Kontakt mit Deutschen ist sehr wichtig für mich. Viele, gerade ältere Migranten, bleiben unter sich. Doch das ist auf Dauer nicht gut. Sie können sich nicht gut integrieren und lernen die Sprache nicht“, meint er. Am Anfang fiel es ihm schwer, deutsch zu lernen. „Besonders die Artikel waren nicht einfach. Und wenn man einmal den falschen Artikel gewählt hat, dann ist auch alles andere falsch, also Akkusativ, Genitiv und Dativ“, erzählt er lachend. Doch in dem Punkt konnte ihm seine Kollegin Dagmar Schmeelcke weiterhelfen. Die ehemalige Grundschullehrerin unterrichtet in ihrer Kirchengemeinde in Scharnebeck seit drei Jahren Geflüchtete. „Eigentlich hat mein Mann den Unterricht gegeben. Bei einer Flüchtlingsfrau aus der Elfenbeinküste kam er allerdings nicht weiter, da sie noch nicht alphabetisiert war. Also habe ich ihr Einzelunterricht gegeben“, erklärt Dagmar Schmeelcke. Da die Unterrichtsmaterialien jedoch für Analphabeten nicht hilfreich waren, hat Dagmar Schmeelcke selbst ein Bildwörterbuch entwickelt, das sie auch für andere Geflüchtete als kostenlosen Download online gestellt hat. In ihrem Buch werden die Begriffe mit Bildern erklärt und sind auch mit Artikeln versehen. „Aber ich habe nicht nur selbst Unterrichtsmaterialien entwickelt, sondern nehme Seiten aus anderen Heften und Büchern nur als Anregung und verändere sie nach meinen Vorstellungen. Jeder Kurs ist anders, deswegen brauche ich auch immer für jeden individuell angepasste Materialien“, berichtete Dagmar Schmeelcke weiter. Mittlerweile gibt sie mehrere Deutschkurse und unterstützt in der Flüchtlingsinitiative Scharnebeck Geflüchtete auch in Alltagsdingen. So leitet sie Sachspenden an sie weiter oder hilft ihnen bei der Wohnungssuche: „Normalerweise reagieren die Menschen hilfsbereit und positiv auf Flüchtlinge, aber nicht bei der Wohnungssuche. Das ist ganz schwer. Sobald ich frage, ob sie auch an Flüchtlinge vermieten, heißt es nein.“ „Ich glaube, dass viele Angst haben, weil Flüchtlinge meistens junge Männer sind, und sie denken, dass sie Unruhe bringen und die Miete nicht pünktlich bezahlen“, versucht Hatem Barakat die ablehnende Haltung zu erklären. Er selber habe allerdings noch nie Erfahrungen mit Widerstand oder Rassismus erlebt. „Ich weiß aber, dass es Gegenden in Deutschland gibt, in denen das ein großes Problem ist.“, berichtet er weiter. In Lüneburg lebt er gemeinsam mit einer jungen deutschen Frau in einer Wohngemeinschaft. Das Zusammenleben funktioniere sehr gut, berichtet er: „Sie möchte arabisch lernen, also versuchen wir uns gegenseitig die Sprachen beizubringen.“ Sie hilft ihm auch, sich im Alltag zurecht zu finden. „Außerdem habe ich dafür eine App genutzt, in der Geflüchtete erklären, was man über Deutschland wissen sollte. Ich habe dadurch schnell gelernt, dass Deutsche Systeme lieben. Alles muss geregelt sein. Ich wusste z.B. nicht, dass man im Auto auch bei kurzen Fahrten angeschnallt sein muss. Das ist in Syrien nicht so“, erzählt er schmunzelnd.

„Die meisten Leute, die etwas gegen Flüchtlinge haben, sind ihnen nie begegnet“, meint Dagmar Schmeelcke. „Doch nur über Kontakt zueinander können wir Vorurteile abbauen.“ Deswegen hat Dagmar Schmeelcke nun ein weiteres Heft veröffentlicht. Diesmal geht es nicht ums Deutschlernen, sondern es richtet sich an die Einwohner Scharnebecks. Im Heft „Wir haben einen Traum - Flüchtlinge erzählen“ stellen sich Geflüchtete vor, berichten, woher sie kommen und welche Träume sie haben. „So merkt man, dass es Menschen wie du und ich sind“, erklärt Dagmar Schmeelcke. Auch Hatem Barakat ist im Heft abgebildet. Sein Traum ist es in Deutschland zu bleiben und Informatik studieren zu können. In Syrien hat er vor seiner Flucht bereits ein Jahr lang dieses Fach studiert. „Außerdem hoffe ich, dass es irgendwann möglich sein wird, dass ich meine drei Brüder und meine Eltern in Syrien besuchen kann“, sagt er nachdenklich.

Von Konstanze Schneider

100 Jahre Bahnhofsmission in Lüneburg

Die Lüneburger Bahnhofsmission feierte am 30. Oktober im Ökumenischen Gemeindezentrum St. Stephanus in Kaltenmoor ihr 100-jähriges Bestehen. Es begann mit einem ökumenischen Gottesdienst, der gemeinsam von Dechant Carsten Menges und Superintendentin Christine Schmid geleitet wurde. Ein Posaunenchor mit Bläserinnen und Bläsern aus Lüneburg und Scharnebeck unterstützte die Organistin bei der musikalischen Begleitung.

Probst Jörg Hagen als Vorsitzender der deutschen ev. Bahnhofsmission, Landesgruppe Hannover skizzierte in seiner Predigt die vielfältigen Aufgaben der Bahnhofsmission: Sie wurde 1916 gegründet, mitten in den Kriegswirren des 1.Weltkriegs. Während der Nazizeit war sie verboten. Nach dem 2. Weltkrieg galt es wieder, sich vorrangig um die Betreuung und Versorgung von Kriegsheimkehrern und Flüchtlingen  zu kümmern. Auch aktuell kommen viele Geflüchtete aus den weltweiten  Kriegsgebieten am Lüneburger Bahnhof an. Das Spektrum der Aufgaben und der Menschen, die die Hilfe der „Blauen Engel am Bahnhof“ gerne in Anspruch nehmen, ist groß. Der Prediger würdigte das hohe, von sozialer Verantwortung geprägte Engagement derjenigen, die in der Lüneburger Bahnhofsmission tätig sind.

Dem Gottesdienst folgte ein Empfang, zu dem Gabriel Siller, Geschäftsführer des Diakonieverbandes Nordostniedersachsen zahlreiche Gäste begrüßte. Superintendentin Christine Schmid überreichte als Gastgeschenk ein Ruhekissen mit der Aufschrift „nur ein Viertel Stündchen“. Sie betonte, dass es wichtig sei, bei allem Einsatz auch einmal an das eigene Wohl zu denken und sich eine kleine Pause zu gönnen. Alle weiteren Rednerinnen und Redner waren voll des Lobes und wünschten der Bahnhofsmission und der in ihr Tätigen weiter Kraft und Erfolg in ihrer Arbeit. Zwei Mitarbeiterinnen der Bahnhofsmission plauderten aus dem Nähkästchen, indem sie Beispiele aus ihrer alltäglichen Arbeit schilderten.

Bei einer schmackhaften Suppe konnten sich alle Anwesenden stärken und miteinander ins Gespräch kommen. Es gab außerdem noch viel zu betrachten bei dieser Jubiläumsfeier: Von der Decke hing ein sechs Meter langer Zug, aus dessen Fenstern die Porträts aller Mitglieder des aktuellen Teams der Lüneburger Bahnhofsmission schauten. Aus Hannover war von der Landesgruppe der Bahnhofsmission die Bilderausstellung „KreuzWeise“ geliefert worden, und es wurden Fotos aus der Lüneburger Geschichte am Bahnhof präsentiert.

Von Dagmar Schmeelcke

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