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(v.l.) Claudia Clemens, Claudia Prössel
(v.l.) Claudia Clemens, Claudia Prössel

„Wenn sie toben, geht es ihnen gut“

Von außen erinnert es noch an ein Hotel: Der große blaue Namenszug über der Eingangstür, Speisekarten im Fenster. Doch wenn man hineingeht, sieht es ganz anders aus: Fahrräder stehen im Eingangsbereich, in der Empfangshalle spielen lachend Kinder unterschiedlichen Alters miteinander, die Rezeption ist unbesetzt, jede Menge Tische und Stühle stehen im hinteren Bereich. Die spielenden Jungen und Mädchen kommen aus Syrien, dem Irak, Iran, aus Afghanistan und Somalia. Sie leben hier seit Oktober 2015. Das ehemalige Hotel in Winsen (Luhe) wurde für die Unterbringung von geflüchteten Menschen umwandelt.

Im Moment leben in der Unterkunft 104 Menschen in 27 Familien. Bei den meisten Familien sind beide Elternteile mitgekommen, aber es gibt auch einige Mütter hier, die mit ihren Kindern alleine gekommen sind. Ein Vater mit seinem Sohn und dem Neffen lebt ebenfalls in dem ehemaligen Hotel, sowie eine allein reisende Frau aus Somalia. „Bei uns ist immer jede Menge los, natürlich ist es auch oft laut. Aber ich bin glücklich, wenn die Kinder toben, denn dann geht es ihnen gut“, erzählt Claudia Prössel. Sie arbeitet beim Herbergsverein Winsen (Luhe) und ist gemeinsam mit ihrer Kollegin Claudia Clemens seit einigen Wochen als Flüchtlingssozialbetreuerin für die Zufluchtssuchenden im Hotel tätig. „Wir sind eine große Gemeinschaft. Da lautet die Devise immer Gerechtigkeit, um den sozialen Frieden zu sichern.“ Neben der individuellen Betreuung finden verschieden, bedarfsgerechte Gruppenangebote statt. Die Regeln für das Zusammenleben in der Unterkunft hängen mehrsprachig an der Bürotür aus. (Deutsch, Englisch und Arabisch). Im Büro der Sozialberaterinnen können die Bewohner ihre Anliegen formulieren und bekommen Antworten auf ihre Fragen.

„Am Anfang haben wir vor allem viele Arzttermine gemacht und sie beraten, wie sie sich warm kleiden und gesund halten können -  in unserem Klima. Mittlerweile haben viele Vertrauen zu uns gefasst und erzählen mehr von ihren Erlebnissen. Zuerst habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, wie ich damit klar kommen werde, wenn mir die Bewohner von schlimmen Schicksalen erzählt, aber es kommt nicht so geballt. Außerdem kann ich mit meinen Kollegen darüber sprechen, das hilft“, berichtet Claudia Prössel.

Die Familien waren zum Teil monatelang unterwegs, bevor sie nach Winsen gekommen sind. Viele haben dabei Schlimmes erlebt. So erzählt zum Beispiel der 14-jährige Ali, dass er mit seiner 12-köpfigen Familie Hals über Kopf fliehen musste, nachdem das Haus der Familie von Bomben getroffen wurde. Seine Mutter und ein Geschwisterkind haben dabei schwere Verbrennungen erlitten, sein Bruder verlor ein Bein. Er musste auf Krücken fliehen. Er will nun so schnell wie  möglich richtig Deutsch lernen, um hier weiter zur Schule gehen zu können. Bis der Besuch einer regulären Schule möglich ist, konnte In der Unterkunft, mit Unterstützung ehrenamtlichen Mitarbeitern, eine sogenannte Hotelschule ins Leben gerufen werden.  „Die Schule ist Teil unserer tagesstrukturierenden Angebote, denn ein geregelter Ablauf ist sehr wichtig“, so berichtet Claudia Prössel.

 „An viele Regeln müssen wir immer wieder erinnern. Dafür haben wir zum einen die Aushänge, zum anderen halten wir jede Woche den so genannten „Familienrat“ ab. Dann treffen wir uns alle zusammen im Empfangssaal und wir berichten ihnen von Neuigkeiten“, erzählt Claudia Prössel. Nach dem Familienrat werden Claudia Prössel und Claudia Clemens von Bewohnern umringt. Viele möchten persönliche Anliegen vorbringen oder haben noch Nachfragen. Der Redebedarf der Bewohner ist riesig. Viele sind bereits seit Oktober, einige seit November da.

Zudem schämten sich viele der Geflüchteten ob ihrer Situation. Viele von ihnen gehörten in ihrer Heimat zur gehobenen Gesellschaft, hier erleben sie nun das Gegenteil. Sie verstehen die Sprache nicht, haben nichts zu tun, können nicht eigenständig für ihre Familien sorgen. In dieser ohnehin schon angespannten Situation kommt es auch hin und wieder zu Streit zwischen den Bewohnern. „Da geht es aber eher um normale Streitigkeiten zwischen Mitbewohnern. Einer hat den Herd nicht richtig sauber gemacht oder die falsche Wäsche aus der Maschine genommen. Religiös oder kulturell motivierte Streits kamen bisher nicht vor“, erzählt Claudia Prössel.
 

Gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern versuchen die Sozialbetreuerinnen etwas gegen die Langeweile zu tun. Ein Ehrenamtlicher ist z.B. mit 35 Kindern und ihren Eltern nach Hamburg ins Miniaturwunderland gefahren, an einem Vormittag hat der örtliche Kindergarten Flüchtlingskinder zum gemeinsamen Spielen eingeladen. „Am eindrücklichsten war für mich der Besuch im Seniorenheim. Die dortigen Bewohner hatten für unsere Flüchtlinge Socken und Mützen gestrickt und uns zum Kakaotrinken eingeladen. Einige Senioren hatten Tränen in den Augen, weil die Geschichten der Flüchtlinge sie so sehr an eigene Fluchterfahrungen erinnert haben. Eine Dame aus Ostpreußen hat geweint, als sie einen Flüchtlingsjungen mit nur einem Bein gesehen hat. Ihr Bruder hatte beide Beine im Krieg verloren“, berichtet Claudia Clemens.
„Es war klar, dass es eine große Aufgabe wird, in dieser Gemeinschaftsunterkunft zu arbeiten. Doch mit viel Gelassenheit und Gottvertrauen kriegen wir alle gemeinsam das hier gut hin, auch wenn jeden Tag der Bär steppt. Wir kriegen auch ganz viel von den Bewohnern zurück, die meisten sind einfach glücklich und dankbar darüber, dass sie und wir hier sind. Meine Arbeit hier macht mir richtig Spaß“, erzählt Claudia Prössel lachend.

Von Konstanze Schneider

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Konstanze Schneider
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