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Margrit Liedtke
Margrit Liedtke

Diakonisches Brückenbauen in Bad Fallingbostel

Wie können Ängste in der Bevölkerung abgebaut werden, wenn in einem Ort mit knapp 12.000 Einwohnern 4.000 Geflüchtete untergebracht werden sollen? Für die Stadt Bad Fallingbostel war Margrit Liedtke die Lösung: Seit Januar 2016 ist die Diakonin als „Brückenbauerin“ im Ort unterwegs und hilft, das Zusammenleben von Geflüchteten und Einwohnern zu gestalten. „Am Anfang gab es viele Beschwerden. Die Stadt brauchte also jemanden, der Brücken baut und vermittelt, zwischen den Geflüchteten und den Einwohnern. Ich bin sozusagen die verbindende Kraft“, erklärt Margrit Liedtke.

Bad Fallingbostel hat eine besondere Situation: zusätzlich zu den der Kommune zugewiesenen Flüchtlingen leben in einer drei Kilometer entfernten, zu zwei Aufnahme-Camps (Ost und West) umfunktionierten ehemaligen Kaserne derzeit zwischen 800 und 1.500 Geflüchtete. Viele davon machen sich täglich zu Fuß auf und gehen in die Stadt.
Einmal in der Woche können die Einwohner im Rathaus mit Margrit Liedtke über ihre Sorgen und Nöte sprechen. „Doch dahin kommt kaum jemand. Die Leute rufen mich lieber direkt auf dem Handy an“, berichtet sie. Deswegen geht sie an vielen Nachmittagen durch die Stadt und spricht zum Beispiel mit Ladenbesitzern über die Situation. „Bad Fallingbostel ist eine kleine Stadt und dementsprechend klein sind auch die Läden. Wenn dann viele Flüchtlinge auf einmal hineingehen, wirkt es beinahe, als würden sie einfallen. Manchmal sieht es hinterher aus wie auf dem Basar: die Kleidung wurde nicht ordentlich zurückgehängt und vieles fliegt rum. Einige Flüchtlinge verstehen auch nicht, warum sie bei Gutscheinen, die sie für Kleidung bekommen, kein Rückgeld erhalten. Wir haben deswegen Schilder in mehreren Sprachen aufgehängt, auf denen wir solche Dinge erklären“, berichtet Margrit Liedtke. Wichtig sei dabei, die Formulierungen so zu wählen, dass die Ladenbesitzer zufrieden sind und die Geflüchteten sich nicht diskriminiert fühlen. „Eine Besitzerin eines Schuhladens hat ein Regal extra für Flüchtlinge eingerichtet. Dort bietet sie alle Schuhe zum selben Preis an, auch wenn sie eigentlich teurer wären. Doch sie möchte, dass immer nur zwei Geflüchtete auf einmal hineingehen. Das ist schwierig durchzusetzen, da Deutsche in größeren Gruppen hineingehen dürfen.“
Um noch mehr Menschen erreichen zu können, wird sich Margrit Liedtke im Sommer im Stadtpark aufhalten. „Der Park ist eine Problemlage, weil dort viele junge Männer rumsitzen, einige trinken Alkohol und pinkeln dorthin. Viele von ihnen haben Langeweile oder sind traumatisiert und können ihre Probleme nicht bewältigen. Die Menschen beschweren sich oft, weil sie meinen, dass sie dort nun nicht mehr hingehen können. Wenn ich mich mit Kaffee und Tee in den Park stelle, sehen sie, dass sich jemand kümmert und die Schwelle für sie, zu mir zu kommen, wird hoffentlich niedriger“, erklärt Margrit Liedtke.

Dennoch ist die Hilfsbereitschaft in Bad Fallingbostel den Zufluchtsuchenden gegenüber sehr hoch. Margrit Liedtke leitet die Willkommensgruppe, die mittlerweile 60 Personen umfasst. Außerdem gibt es im Ort ein Begegnungscafé und eine Fahrradwerkstatt für Geflüchtete. „Diese Angebote sind für die Flüchtlinge, die hier in Wohnungen untergebracht sind, denn für sie geht es um die Integration in den Ort“, erklärt Margrit Liedtke.
Eine weitere ihrer Aufgaben ist, das ehrenamtliche Engagement zu koordinieren. „Zu Beginn haben die Leute einfach gemacht, ohne zu schauen, was es schon gibt und was benötigt wird. Das führte dann wieder zu Beschwerden. Es haben zum Beispiel Ehrenamtliche bei mir angerufen, und gefragt, warum sich nun jemand anderes in einer Familie engagiert, in der sie schon längere Zeit geholfen haben“, berichtet sie. „Außerdem rufen Menschen bei mir an und sagen, sie möchten gerne was tun, wissen aber nicht was. Wenn ich etwas weiß, vermittle ich sie, wenn nicht, notiere ich mir ihre Kontaktdaten und habe nun schon eine lange Liste mit Ehrenamtlichen.“

Auch in den beiden Camps Ost und West vor den Toren Bad Fallingbostels engagiert sich Margrit Liedtke. Im Camp West bleiben die Flüchtlinge nur etwa fünf Tage. In dieser Zeit werden sie registriert, medizinisch untersucht und sie können einen Asylantrag stellen. Danach bleiben sie für einige Zeit im Camp Ost, bis sie auf die Kommunen verteilt werden.

Margrit Liedtke bemüht sich um Integration von Beginn an. Wesentlich dafür seien Sprachkurse. „Es gibt viel zu wenig Kurse und Möglichkeiten zum Spracherwerb. In den Camps ist seit Schließung der Balkanroute weniger los, seitdem gibt es keine festen Kurse mehr. Die Fluktuation ist hoch und die ehrenamtlichen Deutschlehrer müssen sehr flexibel sein“, sagt Margrit Liedtke. Außerdem sei die Begegnung mit der Bevölkerung für den Spracherwerb wichtig. „Eine Frau kam ins Camp und hat einfach Waffeln mit ihnen gemacht. Dabei unterhält man sich zuerst mit Händen und Füßen und lernt ganz viel“, erzählt sie weiter.
Doch auch für die Bevölkerung selbst sei der Kontakt mit Zufluchtsuchenden wichtig: „Es beschweren sich immer nur diejenigen, die noch keine Kontakte hatten. Eine Frau hat z.B. bei mir angerufen und gesagt, dass ihre 12jährige Tochter mehrmals von jungen geflüchteten Männern angesprochen wurde. Als ich sie gefragt habe, was sie denn wollten, sagte sie, einer habe nach dem Bahnhof gefragt. Es ist ganz schwer, Ängste abzubauen, die schon bedient werden, wenn nur nach dem Bahnhof gefragt wird“, meint Margrit Liedtke.
Sie selbst habe noch nie Probleme mit Geflüchteten gehabt. Nur ein Mann habe es bisher verweigert ihr die Hand zu geben. Er legt seine Hand stattdessen auf sein Herz. „Ich habe dies einem Muslim erzählt, der seit 28 Jahren in Deutschland lebt. Er meinte, dass sich der Mann offenbar in seiner Religion nicht genügend auskenne, denn einer Frau die Hand zu geben sei eine kleine Sünde. Einer Frau, die einem die Hand allerdings schon entgegenstreckt, den Handschlag zu verweigern sei eine große Sünde. Und dann begeht man doch lieber die kleine Sünde“, erzählt sie lachend.
In Zukunft möchte sie Angebote zum Austausch zwischen den Kulturen und den Religionen anbieten. „Wenn wir miteinander reden und uns begegnen, lernen wir gemeinsam die jeweils andere Kultur und Religion kennen, ohne einander zu verurteilen: Die Deutschen die muslimische, die Flüchtlinge unsere christliche.“
Außerdem möchte die Brückenbauerin Beschäftigungsmöglichkeiten für Geflüchtete in den Camps schaffen. Viele von ihnen seien frustriert, weil es nicht weitergeht und sie nur rumsitzen. „Gerade, wenn man traumatisiert ist, tut es einem nicht gut, wenn man den ganzen Tag Zeit hat, nachzudenken“, sagt sie. Im Sommer wird es im Camp Ost ein Kunstangebot geben. Eine Künstlerin hat ein Klappatelier entwickelt, mit dem sie zweimal in der Woche mit Geflüchteten künstlerisch arbeiten wird. Die Geflüchteten, und vor allem die Kinder haben hier die Möglichkeit in einem Schutzraum zu malen. „Die Ideen gehen uns so schnell nicht aus“ lacht Margrit Liedtke und strahlt, wenn sie von ihrer jetzigen Tätigkeit redet: „Ich habe das Gefühl, dass ich das erste Mal richtig diakonisch arbeite, vorher war ich vor allem religionspädagogisch tätig. Ich fühle mich gerade noch einmal neu in meinem Beruf angekommen.“

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Konstanze Schneider
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